En face: Mathias Wagner, Studierender des Abendgymnasiums in Wien

En face: Mathias Wagner, Studierender des Abendgymnasiums in Wien

Für die Matura hat Mathias Wagner ein Spezialgebiet über Fourier-Reihen geschrieben. Dafür hat er bald nach dem Beginn weggelegt, was es bisher schon darüber gibt. Er hat begonnen, das Thema neu zu entwickeln und hat dabei sehr viel für sich gelernt. Hier erzählt er darüber.

 

Wie haben Sie das Thema für Ihr Spezialgebiet gefunden?

Anfang 2013 habe ich begonnen, mir Mathematik in Form von YouTube-Videos beizubringen. Damals noch wegen der Schularbeiten. Dabei bin ich glücklicherweise über die Videos von Prof. Jörn Loviscach (FH Bielefeld) gestoßen. Zufällig hab ich dann Ende 2013 eines seiner Videos über Fourier-Reihen angeklickt und war sofort in den Bann gezogen. Es war klar, dass ich darüber eine Arbeit schreiben werde.

Wie haben Sie das Spezialgebiet geschrieben?

Mit viel Herzblut. Ich habe mich im Zeitraum Jänner – Ende Juli jeden Tag zumindest ein wenig mit diesem Thema auseinander gesetzt (hing stark davon hab was sonst noch zu tun war). Erst Anfang August habe ich effektiv zu schreiben begonnen und dafür jeden Tag 10+ Stunden aufgewendet (möglich dank einem 20-h Job). Auch wenn das sicher für wenige nachvollziehbar ist, ich demnach Gefahr laufe mich lächerlich zu machen, aber ich kann ohne Übertreibung sagen dass diese Zeit zu der schönsten meines Lebens gehörte. Ich empfinde es als ein unglaublich erfüllendes Gefühl sich mit mathematischen Problemen auseinanderzusetzen (dazu zählen ja im Grunde alle Wissenschaften), besonders dann wenn man eine Lösung dafür finden kann (jeder kann das, nur können leider wenige dies beibringen). Kann ich nur jedem empfehlen.

Was würden Sie empfehlen zu tun, wenn man ein Spezialgebiet schreibt?

Schämt euch nicht, euch eures Verstandes zu bedienen! Ich habe in den letzten 3–5 Jahren die Erfahrung gemacht, dass jemand, der sich besonders für seine Ausbildung engagiert, besonders von der Arbeiterschicht (mein Umkreis also) sofort als Streber abgestempelt wird. Mit Mathematik ist man sowieso sofort ein Nerd. Umgekehrt ziehen die sogenannten Akademiker auch gerne über Arbeiter her (die bringens sowieso zu nix), eine ewige Fehde. Ich habe beide Seiten der Gesellschaft kennen gelernt und frage mich heute mehr denn je, wieso Menschen nicht einfach in friedlicher Koexistenz leben können. Muss immer alles ein Wettkampf sein?

Damit will ich eigentlich sagen: Wenn euch ein Thema interessiert glaubt an euch und schreibt darüber!

Was würden Sie empfehlen, nicht zu tun, wenn man ein Spezialgebiet schreibt?

Aufgeben.

Was hat Ihnen das Schreiben Ihres Spezialgebiets gebracht?

Selbstvertrauen und eine gute Vorbereitung auf mein Studium.

 

En face – Mathias Wagner ist ein Studierender des Abendgymnasiums in Wien im 8. Semester. Kurz vor der Matura. Über sein bisheriges Leben im Schulbetrieb schreibt er hier…

Meine schulische Laufbahn begann dank der Bemühungen meines Vaters in einer Montessori-Klasse einer ansonsten handelsüblichen Volksschule in Wien. Mein damaliger Klassenlehrer zählt heute noch zu meinen Vertrauenspersonen. Ihm verdanke ich wahrscheinlich zu einem großen Teil meine Fähigkeiten, Dinge auch aus anderen Blickwinkeln zu betrachten, bevor ich mir über sie ein Urteil bilde.

 

Nach der Volksschule wurde mir ans Herz gelegt, ein Gymnasium zu besuchen, und so absolvierte ich ein halbes Jahr ein Gymnasium, bevor ich merkte, dass ich dort keine Zukunft haben werde (miese Lehrer, miese Schüler = schlechte Noten). Bis zum 8. Pflichtschuljahr besuchte ich eine Mittelschule. Hierzu gibt nichts besonderes zu sagen.

 

Abermals wurde mir dann ans Herz gelegt ich solle doch eine HTL besuchen, und so war ich auch schon bald in einer HTL, Fachgebiet Elektrotechnik, eingeschrieben. Auch dieses brach ich, aus den selben Gründen, nach einigen Monaten ab. Schule war wohl nichts für mich. Also noch schnell Polytechnikum gemacht, und dann, drei endlos lange Lehrjahre später, war ich ausgebildeter Landschaftsgärtner.

 

Im Frühjahr 2010 Einberufung zum Wehrdienst (Sanitätsdienst), Freilassung im Sommer des selben Jahres. Diese Zeit war defnitiv einer der großen Wendepunkte meines Lebens. Aus einer ganzen Kette glücklicher Zuf älle entschied ich mich nicht für eine Karriere beim Bundesheer, sondern dafür, die Matura nachzuholen. Nach dem Abrüsten arbeitete ich übergangshalber als Pizzabote, Hausbetreuer und auch als Gärtner.

 

Im September 2011 begann meine Zeit am Abendgymnasium Wien, bereits im ersten Semester fand ich durch einen Schulkollegen meinen heutigen Job, der beste Voraussetzungen für die Schule bot und immer noch bietet: First-Level-Support im Servicecenter der österreichischen Sozialversicherung mit flexibler Arbeitszeit.

 

Im Dezember diesen Jahres beginnen endlich meine Matura-Prüfungen. Da ich aber bereits vor mehr als einem Jahr wusste, was ich studieren will und werde, ich daher die Schule mehr als nur blockierend empfand, muss ich die Frage in den Raum stellen, ob die typische Schulzeit in unserem Schulsystem insgesamt zu unexibel ist?

 

Schüler sollten doch zumindest die Möglichkeit haben, unter wohl durchdachten aber nicht zu strengen Voraussetzungen, die Schule früher beenden zu können. Im Gegenzug sollten all jene, die mehr Zeit benötigen, diese auch, und zwar ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, bekommen. Ein wichtiger Aspekt um solch ein Ziel zu erreichen, besteht meiner Meinung nach in individueller Förderung. Es wäre aus meiner Sicht mehr als wünschenswert, wenn das System Schule insgesamt mehr Wert darauf legen würde, auf die individuellen Wünsche eines Jeden mehr einzugehen – ich brauche mehr Zeit – ich möchte schneller fertig sein – mich interessiert ein Fach gar nicht und ich muss es trotzdem machen.

 

Ich bin mir durchaus im klaren, dass dies vielleicht immer Utopie bleiben wird. Diverse Störfaktoren machen dieses Thema auch äußerst komplex, meine Annahmen können demnach auch falsch sein. Ich will aber unbedingt aufzeigen, dass Schulen im Allgemeinen sehr viel Potenzial vergeuden, und das nur aufgrund verstaubter Restriktionen, die nicht in Frage gestellt werden dürfen.

 

Wie auch immer. Ich beginne jedenfalls im Oktober diesen Jahres mein Studium der Technischen Mathematik an der TU Wien. Ich freue mich schon wahnsinnig darauf.

 

Hier ist der Link zur Arbeit über die Analyse harmonischer Schwingungen mit Fourier-Reihen von Mathias Wagner. Für seine Matura und das beginnende Studium wünschen wir ihm alles Gute.

 

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